Amazon hat 2026 eine der größten Gebührensenkungen seiner Geschichte für Marketplace-Verkäufer durchgeführt. Die meisten Händler lesen das als Entlastung. Wer genauer hinsieht, erkennt einen Mechanismus, der mit Entlastung wenig zu tun hat: Ein Casino senkt die Mindesteinsätze nicht, um die Spieler reicher zu machen. Es senkt sie, damit sie länger am Tisch sitzen.
Die Lage
Zum 15. Dezember 2025 und 5. Januar 2026 hat Amazon Verkaufsgebühren und FBA-Kosten in den europäischen Stores breit gesenkt, im Schnitt 0,17€ pro verkaufter Einheit. Heimbedarf fiel von 15% auf 8% für Artikel bis 20€. Haustierfutter von 15% auf 5% bis 10€. Das Niedrigpreis-Programm für FBA wurde auf Produkte bis 20€ erweitert, Ersparnis im Schnitt 0,40 bis 0,45€ pro Einheit. Die Senkungen wurden sogar vorgezogen, ursprünglich war der 1. Februar geplant.
Gleichzeitig, leiser: Ab 17. April 2026 gilt ein Treibstoff- und Logistikzuschlag von 1,5% auf FBA-Versandgebühren in zehn europäischen Ländern. Ab 1. Mai werden Remissionsgebühren nicht mehr pro Auftrag, sondern pro Einheit gebucht. Die Höhe bleibt gleich, die Zahl der Buchungen steigt, die Abstimmung wird aufwendiger. Und die Gesamtkosten des Verkaufens liegen weiterhin bei 30 bis 45% des Verkaufspreises, sobald Provision, Fulfillment, Lager, Retouren und Werbung addiert sind.
Die Schlagzeile lautet Senkung. Die Struktur lautet: mehr Positionen, mehr Stichtage, mehr Rechenaufwand.
Die BTD-Perspektive
Die meisten Händler lesen die Gebührentabelle. Auf der Tabelle stehen drei Dinge nicht.
Erstens: Die teuerste Ressource ist nicht Marge, sondern Aufmerksamkeit. In einem inhabergeführten Unternehmen gibt es genau einen Menschen, der nicht ersetzbar ist. Jeder gesperrte Artikel, jeder offene Fall beim Seller Support, jede Account-Health-Warnung, jede Remissionsbuchung kostet Stunden dieses Menschen. Diese Stunden tauchen in keiner Kalkulation auf, weil sie nirgends abgerechnet werden. Ein Fall, der drei Wochen offen bleibt, kostet keine Gebühr. Er kostet die Produktentwicklung, die in diesen drei Wochen nicht stattfand. Das ist die Rechnung, die fast niemand aufmacht: Was hätte dieselbe Stunde im eigenen Kanal erwirtschaftet?
Zweitens: Der Dealer sieht Ihre Karten. Amazon kennt Ihre Abverkäufe, Ihre Retourenquoten, Ihre Suchbegriffe, Ihre Preiselastizität. Sie kennen nicht einmal Ihren eigenen Kunden, denn der gehört Amazon. Wer an einem Tisch sitzt, an dem der Dealer die Regeln jährlich ändert, die Hände aller Spieler sieht und erfolgreiche Produkte selbst nachbaut, spielt kein faires Spiel. Er spielt ein kalkulierbares. Aber nur, wenn er rechnet.
Drittens, der eigentliche Mechanismus: Die Senkung ist ein Bindungsinstrument. Jede Ersparnis erhöht die gefühlten Kosten des Weggehens. Wer gerade 0,45€ pro Einheit gespart hat, verschiebt die Frage, ob der Kanal strategisch noch der richtige ist, um ein weiteres Jahr. Status-quo-Bias plus Verlustaversion, in Gebührenform gegossen. Trägheit ist bei Amazon kein Nebeneffekt. Sie ist das Produkt.
Dazu kommt eine Asymmetrie, die in keiner Pressemitteilung steht: Die Senkung wirkt ungleich. Sie belohnt Händler, die pro Artikel und pro Markt kalkulieren, und geht an denen vorbei, die Gebühren als Durchschnitt über das Konto betrachten. Ein Produkt für 19,99€ und eines für 20,49€ trennen fünfzig Cent im Preis und mehrere Prozentpunkte in der Gebühr. Die Ersparnis existiert. Eingesammelt wird sie von denen, die rechnen, nicht von denen, die hoffen.
Wie divendus hilft
Nicht mit der Empfehlung, Amazon zu verlassen. Amazon ist für viele Sortimente der richtige Kanal. Sondern mit der Rechnung, die vorher niemand aufgestellt hat: die vollständigen Kanalkosten inklusive der unsichtbaren Positionen. Gebundene Inhaberstunden pro Monat. Offene Fälle und ihre Durchlaufzeit. Datenbesitz. Abhängigkeitsgrad des Umsatzes. Preisschwellen pro Artikel.
Daraus entsteht keine Meinung über Amazon, sondern eine Zahl: Was kostet der Kanal wirklich. Und was kostet die Trägheit, ihn nicht zu hinterfragen.
Wer besser rechnet, entscheidet besser. Wer besser entscheidet, gewinnt.
